care | INCI-Wiki (47): Komplexbildner

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Wenn man nicht aus der Medizin oder (Bio-)Chemie kommt, vermutet man hinter dem Wort „Komplexbildner“ entweder erstmal nichts weiter Konkretes oder aber man lässt seiner lebhaften Fantasie Raum. Da käme manch einer vielleicht darauf, dass sich unter diesem Sammelbegriff eine Gruppe von Stoffen verbirgt, die uns glauben lässt unser Hintern sei zu ausladend, unser Haar nicht glänzend genug oder weiß der Geier welche Komplexe sich da so bilden. Die Wahrheit ist: die Entstehung derart sinnloser Gedanken lässt sich leider nicht auf eine chemische Verbindung schieben. Wäre ja auch viel zu einfach, stattdessen ist es viel schwerer, denn:  it’s all in your mind. Aber das ist ein anderes Thema.

Kommen wir zurück zum eigentlichen Kern des heutigen INCI-Wikis: es soll um die Verwendung von Komplexbildnern in Hautpflege gehen. Tatsächlich ist einer der Gründe für die Auseinandersetzung mit dieser Produktgruppe, dass ich erst kürzlich unter einer Produktreview folgendes Kommentar gelesen habe: „Mir würde das Produkt ja sehr gut gefallen, nur leider ist EDTA (ein Komplexbildner) enthalten.“ Eine weiterführende Erklärung für diese Aussage wurde den Lesern leider nicht geliefert.

Ist nach dem (teilweise unreflektierten) Bashing auf Konservierungsstoffe, Stabilisatoren und  Duftstoffe, nun also ein neuer Feind gefunden?! Das heutige INCI-Wiki soll Licht ins Dunkle bringen!

Kategorie

Komplexbildner

Die gängigsten Komplexbildner in Kosmetika

  • Calcium Disodium EDTA
  • Citric Acid
  • Disodium EDTA
  • Dipotassium EDTA
  • EDTA (Ethylendiamintetraacetat)
  • Etidronic Acid
  • Sodium Citrate
  • Sodium Gluconate
  • Sodium Hexametaphosphate
  • Tartraic Acid
  • Tetrahydroxypropyl Ethylendiamine
  • Tetrasodium Ethylendiamine
  • Tetrasodium Etidronate
  • Tetrasodium Iminodisuccinate
  • Trisodium EDTA
  • Trisodium Ethylenediamine Disuccinate (biologisch abbaubare Alternative zu EDTA)

Wirkungen

Komplexbildner binden und maskieren im wässrigen Milieu freie Metallionen wie beispielsweise Calcium-, Eisen- oder Magnesiumionen. Dadurch werden Metallionen durch Komplexbildner dem Reaktionsmilieu entzogen und stehen so nicht mehr für die Oxidation mit Sauerstoff zur Verfügung. Unter anderem genau diese Oxidation mit Sauerstoff will man nämlich in den Kosmetika vermeiden. Das ist auch der Grund, weshalb viele Produkte auch möglichst so verpackt werden, dass der Kontakt mit Sauerstoff minimal gehalten wird (z.B. Tuben und Airless-Spender statt Tiegeln). Um es kurz zu machen – Komplexbildner sind also im Grunde ein Mittel, um kosmetische Formulierungen zu stabilisieren und entfalten dabei unter anderem folgende Eigenschaften:

  • Stabilisieren die Galenik (Zusammensetzung/Zubereitung) und/oder das Aussehen von Pflegeprodukten.
  • Erhöhen die Wirkung von Antioxidantien, durch Bindung freier Schwermetallionen (Eisen, Mangan). Schwermetallionen katalysieren die Oxidation von Antioxidantien, sodass diese dann nicht mehr für die eigentliche Abwehr oxidativer Schädigungen zur Verfügung stehen (ganz schön viel Oxidation in nur einem Satz^^).
  • In Wasch- und Reinigungsmitteln finden sie Verwendung zur Maskierung harten Wassers – sprich, es werden Metallionen gebunden, die dem Wasser sonst harte Eigenschaften geben würden.

Einsatzkonzentration

0,01-0,05%

In Produkten für die Hautpflege und Hautreinigung, sind Komplexbildner laut EU-Kosmetikverordnung in Konzentrationen bis 1% zugelassen [1, 2].

Good to know

Komplexbildner sind weit verbreitete Industriechemikalien, die hauptsächlich dazu verwendet werden, Metall-Ionen im Wasser abzufangen und so unerwünschte Störungen verschiedener Prozesse zu unterbinden. Damit ist nicht nur der Einsatz in Kosmetika gemeint, sondern auch und in weitaus höherem Maße bei Putz- und Reinigungsmitteln, in der Milchwirtschaft, der Textilindustrie, Papier- und Zellstoffherstellung sowie Metall- und Lederindustrie und Landwirtschaft [3].

EDTA ist einer der stärksten Komplexbildner und wird ebenfalls in verschiedenen Bereichen eingesetzt – etwa 5% entfallen dabei auf Kosmetika. Doch um jetzt mal auf die Einleitung und den Anstoß für diesen Artikel zurück zu kommen: weshalb meiden manchen EDTA in Pflegeprodukten?

Ohne wirklich genauer Bescheid zu wissen, war ich felsenfest davon überzeugt, dass hier das Thema reizarme Kosmetik Vater des Gedanken war. Doch während ich mich so durch die Literatur las, kam ich schnell zu der Einsicht, dass es hier ausnahmsweise nicht um den aktuellen Trend unter Skincare-Junkies ging – den der möglichst reizarmen Hautpflege. Vielmehr kommt hier eine Umweltproblematik zum tragen.

Zwar ist die akute und chronische Toxizität der Komplexbildner im Allgemeinen nicht sehr stark ausgeprägt, jedoch bilden sie schwer abbaubare Verbindungen, die bis ins Trinkwasser gelangen können. Das letztendlich ist der Grund für ihre besondere Umweltrelevanz. Vor allem EDTA scheint hierbei ein Übeltäter zu sein.

Ob nun aber der Verzicht auf EDTA in Kosmetika hier einen Effekt macht (errinntert Euch, nur 5% der gesamten EDTA Menge wird tatsächlich für Kosmetika verwendet) bleibt fraglich. Awarenes zu diesem Thema ist aber dennoch nicht verkehrt!

Fun  Fact

Irgendwie gibt es zu Komplexbilndern, jetzt da ich mich stärker mit ihrem Einsatz in Hautpflegeprodukten auseinandergesetzt habe, nicht wirklich eine nette Anekdote zu berichten. Inzwischen ist mir der Sinn der Aussage vom Beginn bewusst geworden, und sehe den Punkt hinsichtlich Komplexbildnern bzw. EDTA differenziert: zwar ist das wahre Schwergewicht in Sachen EDTA nicht alleinig die Kosmetikindustrie, dennoch lohnt sich die Suche bzw. die Forderung nach umweltverträglichen Alternativen. Diese alternativen Komplexbilnder, ganz ohne miese Umweltbilanz finden nach und nach Einzug in kosmetische Formulierungen. Auch, und wahrscheinlich vor allem, durch das Feedback kritischer Verbraucher. Wenn das nun auch noch auf die Wasch- und Reinigungsmittelindustrie überschwappen würde, hätten wir ein deutliches Statement gesetzt. Deshalb finde ich es auch durchaus sinnvoll, im Kleinen bereits genau hinzuschauen, denn viele kleine Schritte sind am Ende auch ein großer und letztlich die Vorbereitung bestehende Probleme am Schopf zu packen.

Literaturangaben

[1] Gruppenmerkblätter für Hautmittel, 2012

[2] EG-Kosmetik-Verordnung [Verordnung (EG) Nr. 1223/2009] vom 30. November 2009

[3] Auswertungsbericht Komplexbildner

care | understanding skincare

8 Gedanken zu “care | INCI-Wiki (47): Komplexbildner

  1. Liebe Sarah,
    ich habe grad durch Zufall dein neues INCI-Wiki entdeckt und musste es natürlich direkt lesen:). Ich finde es toll, dass du das Thema Komplexbildner, das für viele bestimmt eher ein Randtehema darstellt (auch für mich), aufgreifst. Dabei sind solche Inhaltsstoffe in Produkten sehr wichtig. Mir war auch gar nicht bewusst, der der Anteil von EDTA in der Kosmetikindustrie „nur“ 5% ausmacht. Mit Mikroplastik verhält es sich doch ähnlich, der Anteil ist auch nicht so hoch. Und trotzdem finden sich EDTA und Mikroplastik in sehr vielen Inhaltsstofflisten wieder. Der Umwelt zu liebe wäre es natürlich wünschenswert, wenn die Industrie mehr auf abbaubare Alternativen setzen würde. Jeder noch so kleine Schritt zählt.
    Danke für diesen Beitrag!

    Liebe Grüße

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    • Hallo liebe Sinah,

      absolutes Randthema, stimmt!! Aber dennoch ist es vielleicht auch für den ein oder anderen interessant zu erfahren, weshalb manche Produkte ohne bestimmte Hilfsstoffe nicht funktionieren würden.
      Inzwischen schaue ich auch viel genauer hin und das Thema Mikroplastik und EDTA springt mir seither geradezu ins Auge. Verrückt, wie gängig das ist. Leider ist die Herstellung und Formulierung von Produkten für große Firmen immer mit engmaschig getackteten Liefer- und Produktionsketten verknüpft. Wird ein Produkt schon seit Jahr und Tag so produziert, ist die Suche nach Alternativen in deren Augen natürlich nicht so akut – was schade ist, keine Frage. Aber für neue Produkte wünsche ich mir doch, ein wenig mehr den Zeitgeist zu beachten und das Thema Nachhaltigkeit/Umweltbewusstsein nicht außen vor zu lassen. Denn ich gebe Dir absolut recht: jeder noch so kleine Schrit zählt!

      Vielen Dank Dir fürs Vorbeischauen und Deinen Kommentar ❤
      Liebste Grüße,
      Sarah

      PS: Wenn Du es in Zukunft nicht dem Zufall überlassen möchtest, ob Du neue Beiträge entdeckst oder nicht, kannst Du auch einfach ein Email Abo auf der Seite da lassen. Dann bekommst Du immer als erste Bescheid, wenn es neuen Lesestoff gibt 😉

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  2. Ich bin bei dem Thema echt hin- und hergerissen. Einerseits ja, es ist ein kleiner Anteil in der Kosmetik, andererseits kann ich mir wirklich nicht vorstellen, dass Mikroplastik oder EDTA für eine gute Formulierung alternativlos sind. Vor ein paar Jahren habe ich hauptsächlich Naturkosmetik verwendet, aber die Pflege ist mir heute meist zu reizend. Im Schminkbereich geht’s.

    Mich ärgert es regelrecht, dass die Kosmetikfirmen nicht innovativere Wege gehen. In meinen beiden liebsten Sonnencremes ist Mikroplastik enthalten. Dummerweise sind das bisher die einzigen chemischen Sonnencremes, die ich im Gesicht überhaupt täglich ertragen kann. Bin auf der Suche nach Alternativen, aber bislang noch nicht fündig geworden.

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    • Ich denke es gibt IMMER Alternativen,… wenn man nur will. Und wenn man als Verbraucher bereit ist, dafür ggf. auch Kompromisse einzugehen. Sei es jetzt hinsichtlich Preis, Textur, Hautgefühl, Auswahl, Vielfalt and Produkten – you name it.

      Klar wünsche ich mir auch, dass hier seitens der Kosmetikfirmen ein Umdenken stattfindet. Aber was wir als Verbraucher oftmals nicht vergessen dürfen, bzw. auch einfach mal ganz klar sehen müssen: diese Firmen sind in der Regel wirtschaftlich arbeitende Konzerne. Hier wird eher auf Profit, weniger auf Nachhaltigkeit oder wirkliche Alternativen geachtet. Sicher gibt es Ausnahmen, aber solange der Verbraucher die Produkte auch so kauft, wird natürlich möglichst billig auf bestehenden Formulierungen produziert, anstatt neue Rezepturen mit Alternativen zu entwickeln. Was man allerdings inzwischen mehr und mehr beobachtet, ist die vielzahl neuer, kleinerer Labels, die hier deutlich weiter sind und das Thema Nachhaltigkeit/Umweltbewusstsein stärker in ihr Portfolio integrieren – was absolut toll ist! Ich hoffe, dies wird auch in den großen Konzernen zum Nachdenken anregen. Denn egal was oder in welchem Umfang, jeder Schritt zählt ❤

      Zum Thema Mikroplastik in Sonnencremes: leider ist das natürlich auch der Natur der Sache geschuldet. Ohne Filmbildner (nur selten) ein guter und haltbarer Sonnenschutz… und leider kommen Filmbildner nun eben häufig auf Basis von Mikroplastik daher. Der einzige organische Sonnenschutz ohne Mikroplastik, der mir spontan in den Sinn kommt, wäre der Day Shade von Beyer&Söhne, bzw. das Pendant von High Droxy, wenn ich mich nicht täusche.

      Liebe Grüße,
      Sarah

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      • Total richtig. Ich bin auch gerade dabei, mir ein paar kleinere innovative Hersteller anzuschauen. In den Kommentaren beim Konsumkaiser las ich neulich was interessantes dazu.

        Den Dayshade habe ich mir sofort gekauft, als ich ihn im Mai entdeckte. Nur leider funktioniert der in keiner Kombination bei mir. Ein totales Glitsch-Desaster. Was superschade ist, denn theoretisch ist das ja ein fabelhaftes Produkt.

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      • Ja, ich stelle mir das Produkt auch nicht ganz einfach vor. Aber da zeigt sich das, was ich in meiner ersten Antwort meinte: zwar kann man durchaus Alternativen finden, die ohne Mikroplastik auskommen, doch ob diese dann letztendlich auch zum eigenen Hauttyp oder den eigenen Anliegen passt, steht auf einem anderen Blatt Papier. Nur Alternativen um der Alternative Willen, ist manchmal eben auch nicht genug. Dennoch glaube ich, dass sich hier in nächster Zeit noch einiges tun wird 🙂

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