care | INCI-Wiki (45): Konservierungsstoffe in Hautpflegeprodukten

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Hautpflegeprodukte müssen nicht steril sein. Dennoch ist eine zu hohe Keimbesiedlung auch unbedingt nicht das Gelbe vom Ei. Daher wird zunächst einmal bei der Produktion von Pflegeprodukten möglichst hygienisch und keimfrei gearbeitet – oftmals auch sicherlich steril. So wird sichergestellt, dass die Produkte zumindest vor dem Öffnen in einwandfreiem Zustand sind. Denn sobald der Nutzer das Produkt anbricht, wird eine Kontamination durch Bakterien und Pilze relativ einfach. Wir entnehmen Produkt mit den Fingern, lagern es in einem feucht-warmen Badezimmer und vergessen vielleicht hin und wieder das Gefäß nach der Verwendung fest zu verschließen. Damit sich trotz dieser ganz normalen Gegebenheiten, Keime nicht zu sehr vermehren, kommen Konservierungsstoffe zum Einsatz.

Im Zuge der „Ohne“ und „Frei von“ Bewerbung vieler Pflegeprodukte verschwinden jedoch immer öfter auch bestimmte Konservierungsstoffe aus den Formulierungen. Doch gerade wasserbasierte Produkte wie Lotionen und Cremes, die oftmals Wasseranteile bis 80% aufweisen können, bieten den perfekten Nährboden für Keime aller Art (ölbasierte Produkte sind nicht ganz so anfällig). Sind dann noch Proteine, Zucker oder Pflanzenextrakte enthalten, bietet sich ein perfekter Nährboden. Die gute Nachricht: grundsätzlich sind viele der Keime, die sich in einem solchen Umfeld vermehren würden nicht übermäßig pathogen oder schädlich, jedoch können sie für bestimmte Personengruppen ein Problem darstellen: ältere Menschen, Säuglinge oder Personen mit einer gestörten Hautbarriere. Hier können die sonst so harmlosen Keime auch schnell mal zu gefährlichen Infektionen führen. Aber nicht nur Infektionen sind ein Problem, auch die Toxine, die von manchen Bakterien produziert werden, bzw. deren Zersetzungsprodukte können reizend, sensibilisierend oder allergen wirken.

Doch auch die Formulierung selbst kann durch die Keimvermehrung beeinträchtigt werden. So kann sich die galenische Stabilität des Produktes verschlechtern, Fette ranzig werden oder unangenehme Gerüche entstehen und das braucht nun wirklich keiner in seiner Pflege. Daher brechen wir im heutigen INCI-Wiki eine Lanze für Konservierungsmittel, denn ganz verkehrt sind sie nicht und ihre Formulierung in Pflegeprodukten macht unter bestimmten Vorraussetzungen durchaus Sinn.

Weil ich in diesem Falle kein bestimmtes Konservierungsmittel herausgreifen möchte, sondern einen eher allgemeinen Artikel schreiben wollte, wird es diesmal ausnahmsweise ein etwas anderes INICI-Wiki geben als sonst – ich hoffe Ihr seht es mir nach! Interessiert Ihr Euch dennoch für ein bestimmtes Konservierungsmittel im Detail, hinterlasst mir gerne einen Kommentar!

Kategorie

Konservierungsstoffe

Die gängigsten Konservierungsstoffe in Kosmetika

  • Alkyl-Paraben, z.B. Butyl-, Ethyl-, Methyl-, Propylparaben (4-Hydroxybenzoesäure)
  • Benzoic Acid (Benzoesäure)
  • Benzyl Alcohol (Benzylalkohol)
  • Chloroacetamide (Chloracetamid)
  • Chlorhexidine Digluconate/-acetate (Chlorhexidin)
  • Chlorobutanol (Chlorbutanolum)
  • Chlorphenesin (Chrlorphenesin)
  • Dehydroacetic Acid (3-Acetyl-6-methyl-2,4(3H)-pyrandion)
  • Diazolidinyl Urea (N-Hydroxymethyl-N-[1,3-di(hydroxymethyl)2,5-dioxo-imidazolidin-4-yl]-N¢-hydroxymethyl-harnstoff)
  • DMDM Hydantoin (1,3-bis-(hydroxy-methyl)-5,5-dimethyl2,4-imidazolidindion)
  • Imidazolidiyl Urea (1,1¢-Methylen-bis[3-(1-hydroxy-methyl2,4-dioximidazolidin-5-yl) harnstoff])
  • Methylchloro- oder Methylisothiazolinon (5-Chlor-2-methyl-3(2H)-iso-thiazolon oder 2-methyl-3(2H)-isothiazolo)
  • Methyldibromo-Glutaronitrile (1,2-Dibrom-2,4-dicyanobutan)
  • Phenoxyethanol (2-Phenoxy-ethanol)
  • Piroctone Olamide (1-Hydroxy-4-methyl-6-(2,4,4¢-trimethylpentyl)-2-pyridon)
  • Polyaminopropyl Biguanide (Poly(hexamethylendiguanid)-hydrochlorid)
  • Propionic Acid (Propionsäure)
  • Quarternium 15 (Methanamin-3-chlorallylchlorid)
  • Salicylic Acid (Salicylsäure)
  • Sodium Hydroxymethylglycinate (Natriumhydroxymethylaminoacetat)
  • Sodium o-Phenylphenate (Natrium-o-Phenylphenat)
  • Sorbic Acid (2,4-Hexadiensäure)
  • Triclosan (2,4,4¢-Trichlor-2¢-hydroxy-diphenylether)
  • o-Cymen-5-ol (3-Methyl-4-(1-methylethyl)phenol; 4-Isopropyl-m-Kresol)
  • o-Phenylphenol (2-Hydroxybiphenyl)

Wirkungen

  • Wirken mikrobiostatisch (wachstumshemmend) bzw. in höheren Konzentrationen mikrobiozid (keimtötend).
  • Stabilisieren die Galenik (Zusammensetzung/Zubereitung) von Pflegeprodukten.

Anforderungen

Wir konsumieren Konservierungsstoffe in den unterschiedlichsten Situationen, ob in Lebensmitteln, Arzeinmitteln oder Kosmetika. Tatsächlich konfrontieren wir unseren Körper tagtäglich in nicht unerheblichen Mengen mit Konservierungsstoffen – think about it! Daher sollten Konservierungsstoffe ein paar wichtige Kriterien erfüllen:

  • Antimikrobielle Wirksamkeit bereits in geringer Konzentration
  • Breites Wirkspektrum gegenüber einer Vielzahl von Keimen
  • Nicht toxisch, nicht allergen
  • Geschmack- und geruchlos
  • Keine Akkumulation/Anreicherung des Konservierungsstoffes im menschlichen Körper
  • Gute Wasserlöslichkeit, geringe Fettlöslichkeit
  • pH-unabhängiges Wirkspektrum
  • Keine Veränderung der galenischen Eigenschaften des Produkts
  • Keine Wechselwirkungen mit anderen Inhaltsstoffen

Die wenigsten Konservierungsstoffe erfüllen jedoch alle der oben genannten Punkte. Das „Universalkonservierungsmittel“ in dem Sinne gibt es somit nicht. Was also tun? Um Wirksamkeit, Konzentration und Verträglichkeit bestmöglich unter einen Hut zu bringen, werden daher oftmals verschiedenene Konservierungsstoffe kombiniert. Der Blick auf die INCI-Liste und eine Latte an Konservierungsstoffen lässt manche Verwender das Produkt schnell wieder ins Regal befördern. Aber hier stellt sich die Frage, was ist besser: niedrig konzentriert verschiedene Konservierungsstoffe einsetzen, um ein Optimum an Konservierung zu erhalten, oder quasi den unbedarften Verbraucher in einer scheinbaren Sicherheit wiegen „Ist ja nur ein Konservierungsstoff enthalten…“?! Behaltet daher im Kopf, wenige gelistete Konservierungsstoffe können oftmals auch bedeuten, dass das dann eventuell auch auf Kosten einer entsprechend hoheren Konzentration des jeweils eingesetzten Konservierungsstoffes geht.

Die Kombination und Verwendung mehrerer Konservierungsstoffe hat noch einen anderen wichtigen Grund: es verringert die Resistenzentwicklung bestimmter Keime gegenüber dem Konservierungsstoff. Sicher kennt Ihr das von Antibiotika. Auch hier ist es wichtig, bestimmte Regeln einzuhalten, denn verwendet man sie zu häufig oder auch falsch, werden Keime resistent gegen das Antibiotikum, was eine große Gefahr für uns alle darstellt. Denn ohne wirksame Antibiotika, haben wir keine wirksamen Waffen gegen mitunter lebensbedrohliche Infektionen. Damit will ich nur ausdrücken: wir sollten Keimen nicht zu viel Möglichkeiten zur Gewöhnung bieten, weder was die Vorsorgung mit Arzneimitteln angeht, noch mit Konservierungsstoffen in Alltagsprodukten. Deswegen am Besten wenig konservieren oder eben sinnvoll – und das bedeutet manchmal auch die Verwendung mehrerer Konservierungsstoffe.

Letztlich bietet die Kombination von Konservierungsstoffen auch noch den Vorteil der Synergie. Sprich, werden Konservierungsstoffe kombiniert, kann es zu einer Wirkverstärkung bei gleichbleibender oder sogar geringerer Gesamtkonzentration der einzelnen Konservierungsstoffe kommen.

Wie Ihr seht, es kann verschiedenen Gründe haben, weshalb manche Produkte mehrere Konservierungsstoffe verwenden. Es hat nicht unbedingt etwas mit einer „Schütt-Kipp-viel-hilft-viel“ Mentalitiät der Hersteller zu tun. Im Gegenteil, oftmals wird hier eben ganz genau hingeschaut was und vielviel man verwendet, um das Produkt möglichst „intelligent“ zu konservieren.

Gesetzliche Grundlagen

Die Verwendung von Konservierungsstoffen wird EU-weit durch die „Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 über kosmetische Mittel vom 30. November 2009“ geregelt. Dort werden in „Anhang V – Liste der in kosmetischen Mitteln zugelassenen Konservierungsstoffe“ insgesamt 57 verschiedene Konservierungsstoffe ausgewiesen. Dort finden sich auch Anwendungsbedingungen, Warnhinweise, zulässige Höchstkonzentrationen sowie Einschränkungen und Anforderungen. Diese Regelungen sollen ein hohes Maß an Schutz der menschlichen Gesundheit gewährleisten.

Fun  Fact

Auch wenn durch die oben erwähnte Verordnung Grenzwerte und Einsatzkonzentrationen von Konservierungsstoffen in Kosmetika geregelt werden, steht es nach wie vor außer Frage, dass sich viele Allergien auf in Lebensmittel und Kosmetika befindliche Konservierungsstoffe zurückführen lassen. Daher stehen Verbraucher und Mediziner Konservierungsstoffe häufig kritisch gegenüber. Die logische Konsequenz: Verwendung von Produkten, die auf den Einsatz von Konservierungsstoffen verzichten. Tatsächlich gab es in den letzten Jahren eine steigende Nachfrage nach konservierungsmittelfreien Produkten und die Herstellerfirmen haben nachgezogen.

Doch leider scheint diese Entwicklung das Problem nur verlagert, nicht gelöst zu haben. Denn in Produkten ohne Konservierungsstoffe finden sich oftmals sogar noch mehr allergiepotente Stoffgruppen: Farbstoffe, ätherische Öle, Pflanzenextrakte, Duftstoffe etc., die ebenso für bekannt sind für allergische Reaktionen.

Good to know

Achtung: stark wasserbasierte, unkonservierte Cremes, die in Tiegeln abgefüllt werden, wären nach dem Öffnen übrigens maximal 2 Wochen haltbar. Für den Verbraucher ist das einfach nicht praktikabel, daher sind hier Konservierungsstoffe – und/oder alternativ eine entsprechende Verpackung – fast schon Pflicht.

Es gibt aber auch durchaus Produkte, die überhaupt keine Konservierungsstoffe benötigen. Einige Beispiele hierfür sind:

  • Feste Seifen oder Syndets enthalten kaum Wasser. Zudem wirken diese Waschsubstanzen ebenfalls leicht konservierend.
  • Produkte, die entsprechend hergestellt, abgefüllt und entnommen werden. Werden die Produkte beispielsweise in (Airless-)Spendern, Tuben oder Einmaldosisbehältnissen abgefüllt, braucht es idR. keine Konservierungsstoffe.
  • Produkte mit sehr niedrigen (< pH 3) oder sehr hohen pH-Werten (> pH 10), bedeuten für Keime eine lebensfeindliche Umgebung.
  • Wässige Produkte mit hohen Konzentrationen (mehr als 20%) kurzkettiger Alkohole: Alcohol (denat.), Propanol, Propylenglycol, Glycerin etc.. Doch leider sind diese Stoffe in diesen hohen Konzentrationen auch nicht ganz unproblematisch. So wirken Alkohole in hohen Konzentrationen beispielsweise austrocknend und Glycerin kann Hautreizungen verursachen.

Alternativen

Tatsächlich gibt es wie bereits angerissen Inhaltsstoffe, die keine klassischen Konservierungsstoffe sind und dennoch konservierend wirken. Dabei handelt es sich häufig um Naturstoffe, deren antimikrobiellen Wirkungen aber leider noch nicht ausreichend erforscht sind. Es bleiben die Fragen zu klären, welche Konzentrationen für den Menschen unbedenklich sind, welche Einsatzkonzentrationen für eine Konservierung erforderlich sind und inwieweit diese Inhaltstoffe ggf. mit anderen Bestandteilen der Formulierung interagieren. Aber auch Fragen hinsichtlich der Gewinnung müssen berücksichtigt werden: wie kann man eine standartisierte und auch günstige Herstellung dieser Stoffe gewährleisten? Bevor diese Fragen nicht abschließend geklärt wurden, lässt sich über den Einsatz als Konservierungsstoff letztlich nur diskutieren.

Aktuell werden folgende Stoffe als potentiell antimikrobiell und konservierend eingestuft:

  • Propolis (INCI: Propolis Cera)
  • Zimtaldehyd (INCI: Cinnamomi Cassia)
  • Die Duftstoffe Eugenol, Isoeugenol, Farnesol
  • Phenylethylalkohol (INCI: Phenylethyl Alcohol)
  • Teebaumöl (INCI: Melaleuca Alternifolia)
  • Thymol

Weshalb also diese Stoffe nicht gegen die aktuell 57 gelisteten Konservierungsstoffe der Kosmetikverordnung austauschen?! Nun ja, um es kurz zu machen: das wäre zu kurz gedacht und auch nicht die ultimative Lösung, denn die 6 genannten potentiell konservierenden INCIs sind allesamt nicht ganz unproblematisch zu betrachten. Wie ihr seht, es gibt beim Einsatz von Konservierungsstoffen insgesamt viele Variablen zu beachten. Ein one size fits all, wäre auch zu einfach gewesen.

Literaturangaben

Elsässer, Körperpflegekunde und Kosmetik, 2. Auflage, 2008.

Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 über kosmetische Mittel vom 30. November 2009

care | understanding skincare

3 Gedanken zu “care | INCI-Wiki (45): Konservierungsstoffe in Hautpflegeprodukten

  1. Hey Sarah,

    Wie immer sehr spannend und informativ
    Deine Beiträge machen es mir leichter meine empfindlich allergische Haut besser zu verstehen und von vornherein bestimmte Inhaltsstoffe zu vermeiden um diese nicht versehentlich aus dem Gleichgewicht zu bringen…
    Konservierungsstoffe hab ich bisher auch meist als negativ abgestempelt, jetzt werde ich mir wohl eine neue Meinung dazu bilden müssen
    Danke für deine ausführlichen Recherchen, dafür wäre ich um einiges zu faul 😉
    Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

    • Hallo liebe Lisa,

      wie schön, dass Du Dir Zeit genommen hast, mir ein Kommentar zu hinterlassen. Besonders spannend ist für mich natürlich auch, weshalb die Beiträge für Dich hilfreich sind, denn so lerne ich meine Leser einfach auch ein bisschen besser kennen und kann damit dann natürlich auch irgendwo besser auf sie eingehen. Daher großes Danke für Deine Worte.

      Freue mich, wenn Du wieder vorbei schaust und sende Dir viele liebe Grüße!!
      Deine Sarah

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  2. Hallo Sarah,

    wieder mal ein wunderschöner Beitrag zu der Reihe und ein wirklich interessantes, aber auch schwieriges Thema. Schwierig deshalb, weil sowohl „mit“ als auch „ohne“ nicht ganz ohne Hinterfragen auskommt. Ich lese diese Beiträge immer besonders gerne, weil ich mich eigentlich sehr für die einzelnen Inhaltsstoffe interessiere (auch und vor allem in ihrer chemischen Wirkungsweise), aber dann im Alltag meistens doch wieder vergesse mich damit zu beschäftigen (shame on me :-D).

    Beste Grüße,
    Svenja von all-the-wonderful-things.blogspot.de

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